Der Mann, der beim Gehen denkt
Tag der offenen Tür im Wohnhaus der Familie Buber

"Der Mann, der beim Gehen denkt" beschäftigt die Heppenheimer noch heute. Die treffende Beschreibung ist auf den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber gemünzt, der einige Jahre in Heppenheim am Graben gelebt hatte, bevor er 1938 von den Nationalsozialisten vertrieben wurde.

Die Bildungsreferentin für regionale Bildungsarbeit, Andrea Thiemann, begrüßte die Besucher mit einem Vortrag über Leben und Werk Bubers. Buber, der 1878 in Wien geboren wurde, lernte während seines Studiums seine spätere Frau Paula kennen, die Christin war, sich aber als "Philo-Zionistin" sah und später zum Judentum übertrat. In Heppenheim lebten die Bubers in den dreißiger Jahren. Buber arbeitete als Professor in Frankfurt und spazierte oft - stets denkend - über Heppenheimer Straßen.

Buber war kein einfacher Mann und Denker. Viele seiner Werke, das betont auch Thiemann, sind schwer zu durchschauen. Sein Hauptwerk "Ich und Du" beschäftigt sich zum Beispiel mit unterschiedlichen Beziehungen, die Menschen eingehen können.

Paula und Martin Buber, die erst nach der Geburt ihrer Kinder Rafael und Eva 1906 heirateten, bildeten eine Gemeinschaft, in der Paula Buber die Kindererziehung übernahm und Martin Buber sich ganz der Philosophie widmete. Zu Unrecht habe seine Frau im Schatten des großen Martin Bubers gestanden, betonte Thiemann, die auf die schriftstellerischen Leistungen Paula Bubers unter dem Pseudonym Georg Munk verweist.

Buber scheint ohne Toleranz gegenüber anderen Religionen kaum denkbar. "Alle Menschen haben einen Zugang zu Gott, aber jeder hat einen anderen", hatte Buber einst gesagt. Buber hat sich bemüht, sich auf die Verschiedenheit der Menschen einzulassen und diese in seinen philosophischen Reflexionen zu berücksichtigen. Dass er diese sogar auf dem Gehweg fortsetzte, verwunderte die Heppenheimer allerdings.

Mit weniger Verwunderung, sondern Bewunderung begegnen die Besucher Martin Buber in seinem einstigen Wohnhaus heute erneut. Durch Bilder, Geschichten und Einblicke in die Biografie des 1965 in Jerusalem verstorbenen Bubers näherten sich die Gäste am Sonntag dem Werk des viel beachteten Religionsphilosophen an. Mit der Zeit entwickelten die Besucher auch ein Gespür für die eigene Sprache Bubers, die sich zum Beispiel in der von Buber und Franz Rosenzweig neu übersetzten Heiligen Schrift wiederfindet, die nahe an der Sprachmelodie des hebräischen Originals orientiert ist.

Ohnehin war Sprache das bedeutende Element im Leben Bubers. Nach dem frühen Weggang der Mutter bei den Großeltern väterlicherseits aufgewachsen, entstand in Buber die Faszination für deutsche Sprache und Literatur. Durch seinen Großvater, einen jüdischen Gelehrten und tüchtigen Geschäftsmann, war Buber tief in der jüdischen Tradition verwurzelt. Buber und die jüdische Glaubensrichtung des Chassidismus, die eine lebendige Frömmigkeit anstrebte, sind so untrennbar miteinander verbunden.

Diese Prägung hat ihn dann in seinen späteren Jahren nicht mehr losgelassen und dazu geführt, dass Buber sich so tief mit seiner jüdischen Herkunft verbunden sah.

gekürzt aus echo-online, 12.3.2008